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Interview mit Frau Kindler

 

Marianne Kindler

Mehr Praktikerin denn Visionärin
Marianne Kindler geht in den Ruhestand

 

Die Geschäftsführerin des Diakonischen Werks Steglitz und Teltow-Zehlendorf (DWSTZ), Marianne Kindler, wurde im Dezember 2014 nach 19 Jahren aus ihrem Dienst verabschiedet. Sie hat das Werk aufgebaut und sicher durch die Zeiten gebracht.

 

Mit den Öffentlichkeitsbeauftragten Elke Behrends und Ulrike Bott führte sie ein Gespräch über ihre Arbeit.

 

Frau Kindler, seit 1995 sind Sie Geschäftsführerin des DWSTZ. Was werden Sie am meisten vermissen?

Die Herausforderung, neue Projekte zu entwickeln, auf Veränderungen zu reagieren, die Zusammenarbeit mit den Dienststellenleitungen und Mitarbeitenden und auf jeden Fall den Trubel und den persönlichen Kontakt zu dem Team, das wirklich toll zusammenarbeitet. Täglich haben wir es hier mit neuen Sachverhalten zu tun, die Entscheidungen verlangen. Das werde ich vermissen.

Stellen Sie sich vor, Sie kommen mit einer interessierten Person ins Gespräch, die das Wort Diakonie noch nie gehört hat. Wie würden Sie erklären, was das ist?

Diakonie ist das soziale Handeln der Kirche. Sie ist Lebens- und Wesensäußerung der Kirche, denn der Dienst am Menschen ist uns Christen aufgetragen. In der Praxis heißt das, dass sie sich auf unterschiedlichen Ebenen um Menschen kümmert, die Hilfe benötigen. Dies erfolgt in Beratungsstellen, Kindertagesstätten, Sozialstationen und so weiter. Diakonie ist immer in Verbindung mit der Kirche zu sehen.

Wo sehen Sie die Grenzen diakonischen Handelns? Wo sind die Tücken beim Helfen wollen?

Wer Hilfsbedürftige begleitet, muss sie auch wieder loslassen können. Natürlich gibt es Menschen, die eine längerfristige Begleitung benötigen und sie auch bekommen müssen. Den anderen sollte vermittelt werden, dass man sie ein Stück des Weges begleitet und befähigt, ihr Leben wieder selbst in die Hand zu nehmen. Im Bedarfsfall kann Hilfe erneut in Anspruch genommen werden, aber nicht auf Dauer. Unser Ziel ist es, die Menschen in die Selbständigkeit zu begleiten.

Sie sind seit der Gründung des Diakonischen Werks 1995 dabei. Damals hieß es noch DWS. Wie kam es zur Gründung? Welche Schwierigkeiten gab es zu überwinden?

Die Gründung des Diakonischen Werks war von verschiedenen Veränderungen begleitet. Zum einen sollte aufgrund der Bezirksreform mehr Kompetenz an die Bezirke abgegeben werden, so auch die Finanzierung der Kindertagesstätten. Andererseits hatte das Diakonische Werk Berlin-Brandenburg entschieden, alle Trägerschaften abzugeben und ausschließlich Spitzenverbandsfunktionen zu übernehmen. Der damalige Superintendent Friedrich Gülzow hat dann für die Einrichtung eines lokalen Diakonischen Werks in den Gemeinden geworben. Auf der Gründungsversammlung im Mai 1995 wurden ein Großteil der Steglitzer Kirchengemeinden und der Kirchenkreis Mitglied. Ein Vorstand wurde gewählt und die Stelle der Geschäftsführung zum Januar 1996 ausgeschrieben. In den ersten Jahren bestand das DW aus Frau Hein in der Verwaltung und mir.

Was hat Sie an der Aufgabe gereizt, die Geschäftsführung zu übernehmen?
Was haben Sie vorher gemacht?

In meinem ersten Beruf war ich Industriekauffrau und bei Karstadt in der Lohnbuchhaltung tätig. Als dort die Umstellung auf EDV begann und ich mit Vorschlägen an meinen Vorgesetzten herantrat, sagte er: „Fürs Denken werden Sie nicht bezahlt.“ Damit hat er den Startschuss für meine berufliche Umorientierung gegeben. Ich habe das Abitur auf dem zweiten Bildungsweg gemacht und Sozialarbeit studiert. Später habe ich in der Flüchtlings- und Schuldnerberatung gearbeitet.
Die Geschäftsführung des Diakonischen Werks hat mich interessiert, weil ich etwas aufbauen und gestalten wollte. Sicherlich war es von Vorteil, dass ich die Sozialarbeit kenne und gleichzeitig mit Zahlen umgehen kann. Ich empfinde mich in der Funktion weniger als Visionärin, denn als Praktikerin, die aus den Erfordernissen heraus nach Lösungen sucht.

Nach der Zusammenlegung der Bezirke Steglitz und Zehlendorf ist 2002 auch der Kirchenkreis Teltow-Zehlendorf Mitglied des Diakonischen Werks geworden.
Welche neuen Herausforderungen sind damit hinzugekommen?

Mit der damaligen Kreisdiakoniebeauftragten Eva-Maria Kulla wollten wir die diakonische Arbeit im Stadtbezirk bündeln, auch um die Zusammenarbeit mit dem Bezirksamt zu optimieren. Wir haben bei den Gemeinden Werbung gemacht und tatsächlich 25 von 28 Gemeinden beider Kirchenkreise als Mitglieder gewinnen können. Eine erfolgreiche Zusammenarbeit mit Kirchengemeinden ist z. B. das Familiencafé in Matthäus, das von uns angeregt und schließlich fester Bestandteil des Gemeindeangebots wurde. Genauso ist es mit dem Warmen Essen in der Paulus-Kirchengemeinde in Zehlendorf. Trotzdem bleibt die enge Zusammenarbeit ein Einzelfall. Unsere Aufgabe besteht auch in der Beratung von Gemeinden, wenn diese neue Projekte entwickeln möchten.

Es ist nicht so einfach, Mitarbeitende zu finden, die der Kirche angehören. Wie gehen Sie damit um?

Wir freuen uns, wenn wir Menschen einstellen können, die in der Kirche sind. Dies ist nicht immer möglich, aber wir wollen unser christliches Profil erkennbar machen. Daher erwarten wir von den Mitarbeitenden, sich mit Fragen des Glaubens und der eigenen Einstellung dazu auseinandersetzen. Der Besuch eines Glaubenskurses gibt ihnen die Möglichkeit, sich in einem neutralen Rahmen mit den Inhalten zu beschäftigen und gesprächsfähig gegenüber Kindern, Eltern und Ratsuchenden zu werden. Eine loyale Haltung zu Kirche und Diakonie ist die Voraussetzung für die Mitarbeit in unserem Werk.

Kann die Diakonie nur reagieren oder hatten Sie in Bezug auf soziale Fragen die Möglichkeit, an richtungsweisenden Entscheidungen im Bezirk Steglitz-Zehlendorf mitzuwirken?

Vor allem war es mir wichtig, die Sichtweise von Kirche bzw. Diakonie in Entscheidungsprozesse einfließen zu lassen, schließlich gibt es 62 diakonische Einrichtungen in Steglitz-Zehlendorf. Deswegen habe ich im Jugendhilfeausschuss als Vertreterin der Ev. Kirche und im Ausschuss für Soziales mitgearbeitet, genauso wie in der AG 78, in der sich freie Träger austauschen. Ich finde, wir sollten den öffentlichen Trägern gegenüber kritische Partner sein, da nehme ich auch kein Blatt vor den Mund. Dass wir nicht von einem Geldgeber abhängen, ist dabei von Vorteil. Wir haben eine Mischfinanzierung, die sich aus folgenden Quellen speist: Kirchenkreise, Mitglieder, Stadtbezirk, Senat, Europa und Eigenmittel.

Inzwischen hat das DWSTZ 35 Mitglieder: 25 Kirchengemeinden, 2 Kirchenkreise und 8 Diakonische Einrichtungen. 90 Mitarbeitende hat das DWSTZ. Wo sehen Sie das Diakonische Werk in der Zukunft?

Am „Puls der Zeit“ zu bleiben, sich den Benachteiligten und Bedürftigen zuzuwenden, ist und bleibt Aufgabe von Diakonie. Unabhängig zu bleiben im Geist und möglichst in der Finanzierung. Aufgrund der Auflagen bei Zuwendungsfinanzierungen, EU-Mitteln und Entgelten müssen wir immer wieder auf Kürzungen reagieren, um finanziell nicht zu „schlingern“. Außerdem müssen wir entscheiden, ob wir die Auflagen erfüllen wollen oder können.

Frau Kindler, haben Sie ein Leitmotiv, das Ihr Handeln geprägt hat? Für welche Themen haben Sie gebrannt?

Kirche hat der Gesellschaft viel zu bieten und sollte mit ihren Pfunden wuchern. Ich wollte immer, dass die Kirche im Gemeinwesen mit ihren Angeboten wahrgenommen wird. Wichtig war mir auch, den Kirchengemeinden ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, dass sie sich für ihre Präsenz im Bezirk einsetzen.

Wenn Sie zurückschauen: Was ist Ihnen gelungen? Was ist offen geblieben?

Wir haben auf allen Ebenen des DW sehr engagierte Mitarbeiter, die eine gute inhaltliche Arbeit machen. Wir müssen zwar ständig rechnen, sind aber insgesamt finanziell gesichert. Zufrieden bin ich auch mit den vielen ehrenamtlichen Projekten, die wir umgesetzt haben, zum Beispiel Känguru, Ämterlotsen, Lesepaten für Demenzerkrankte, um nur einige zu nennen.
Was leider offen blieb: Den Kirchengemeinden gegenüber als kompetenter Partner in allen diakonischen Fragen präsent zu sein – von der Bedarfsermittlung bis zur Finanzierung. Unser Know-how wird nur wenig in Anspruch genommen

Im Eröffnungsgottesdienst der Kreissynode werden Sie entpflichtet. Was bedeutet Ihnen das?

Für mich heißt das, dass der Auftrag endet und ein neuer Lebensabschnitt beginnt. Und das mit Gottes Segen.

 

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